Ausbildungsnachweis

Das Märchen vom Berichtsheft

Es waren einmal 16 Zuständige Stellen (Landwirtschaftskammern und Behörden) in Deutschland, die den Pferdewirtauszubildenden, den Ausbildern und sogar den Prüfern jeden Tag erzählten, dass die lieben Azubis ein großes, dickes und grünes Berichtsheft schreiben müssen. Wenn sie dieses nicht tun, so die ach so strengen Ausbildungsberater, dann werden sie nicht zur Prüfung zugelassen.

BerichtsheftFolglich schrieben sich Generationen von Pferdewirtazubis in Deutschland die Hände wund an Infoteilen, Betriebsbeschreibungen, Wochen- und Erfahrungsberichten. Selbst Prüfer glaubten den Ausbildungsberatern und kontrollierten tag ein und aus die Berichtshefte,  und sie erhoben besorgt den Zeigefinger, wenn ein Berichtsheft einmal nicht vollständig war: „Die Zulassung zur Prüfung ist gefährdet“ wurde dann notiert und nicht mit mahnenden Worten gespart.

Das Märchen vom Berichtsheft erzählen die Ausbildungsberater teils heute noch, obwohl ein kecker Azubi vor Gericht zog. Und die Richter stellten klar:

Ein Berichtsheft gibt es im Berufsbildungsgesetz (BBiG) seit über 40 Jahren gar nicht mehr. Bereits 1971 empfiehlt der Bundesausschuss für Berufsbildung, dass das Führen von Berichtsheften im Rahmen der Berufsausbildung nicht mehr in seiner bisherigen Form verlangt werden soll. Das Berichtsheft wurde abgelöst durch eine möglichst einfache Form, dem Ausbildungsnachweis. Am 09.10.2012 wurde eine zweite Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) veröffentlicht:

Der Ausbildungsnachweis …

  • … soll die Berufsausbildung durch Betrieb und Berufsschule nachweisbar machen, damit die Zuständigen Stellen die Berufsausbildung überwachen können.
  • … ist Zulassungsvoraussetzung zur Abschlussprüfung.
  • … ist täglich oder wöchentlich zu führen.
  • … ist in möglichst einfacher Form, in Stichworten, handschriftlich oder am Computer zu führen.
  • … sollte ca. 1 Seite (A 4) je Woche Umfang haben.
  • … muss stichwortartig alle betrieblichen Tätigkeiten und den Berufsschulunterricht mit Zeitangaben dokumentieren.
  • … ist während der Arbeitszeit zu führen, alle Materialien (Formblätter, Hefte, usw.) müssen kostenlos vom Ausbildungsbetrieb gestellt werden.
  • … sind monatlich vom Ausbildungsbetrieb abzuzeichnen. Mit der Unterschrift wird die Richtigkeit der Angaben von Azubis und Ausbildern bestätigt. Bei Minderjährigen müssen die gesetzlichen Vertreter ihre Kenntnisnahme durch Unterschrift bestätigen. Arbeitnehmervertretungen (Betriebsrat, Personalrat) und Berufsschulen können die Kenntnisnahme ebenfalls bestätigen.

Beispiel:

  • So., 16.06.13: 8h Turnierbegleitung CCI2* Schönefeld, 2 Vielseitigkeitspferde, transportiert, geputzt, gesattelt, getränkt, gefüttert, bewegt, zur Dopingprobe geführt, …
  • Mo., 17.06.13: 3h gemistet, 1h 2 dreijährige Holsteinerstuten mit Kappzaum longiert, 1h Anfängerreitstunde Ponykinder erteilt, je 30 min morgens, mittags, abends gefüttert, …
  • Di., 18.06.13: 1 h Politik (Kaufvertrag), 4h Fachtheorie (Lernfeld 8), 1h Deutsch (Normbrief), ..

Obwohl der Ausbildungsnachweis schon 1971 das alte grüne Berichtsheft abgelöst hat, informieren die Zuständigen Stellen fast alle ihre Ausbildungsbetriebe, Ausbilder, Berufsschulen und Prüfer teils wissentlich falsch. So schreibt die Landwirtschaftskammer Hannover im Internet:

„Während der Ausbildungszeit führen die Auszubildenden das vorgeschriebene Berichtsheft, das vom Ausbilder regelmäßig nachgesehen und abgezeichnet wird.

Das Berichtsheft dient dazu, die betrieblichen Erfahrungen schriftlich niederzulegen und über den Ausbildungsbetrieb sowie die durchgeführten Arbeiten und Tätigkeiten nachzudenken. Eine „ausreichende“ Berichtsheftführung ist Zulassungsvoraussetzung zur Abschlussprüfung.“

Kein Auszubildender muss befürchten, nicht zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden, wenn er/sie nicht das grüne Berichtsheft und stattdessen nur einen korrekten Ausbildungsnachweis führt. Betriebe können sich die knapp 25,00 € für das grüne Berichtsheft sparen. Rausgeschmissenes Geld.

Es tut sich gerade was:

Derzeit hat nur die Zuständige Stelle in Nordrhein- Westfalen, die Landwirtschaftskammer Nordrhein- Westfalen auf die Kritik am Berichtsheft reagiert und fordert nur noch einen Ausbildungsnachweis als Zulassungsvoraussetzung zur Prüfung. Mehr Infos hier. Auch die Zuständige Stelle Rheinland-Pfalz hat ab 2012/13 eine neue Verwaltungsrichtlinie zum Ausbildungsnachweis veröffentlicht. Die Zuständige Stelle in Hessen hat mittlerweile auch erkannt, dass nur Ausbildungsnachweise geführt werden müssen, versucht aber mit einer Zusatzvereinbarung zum Ausbildungsvertrag Auszubildende zu zwingen, das alte Berichtsheft weiter zu führen. Die Zuständige Stelle Baden- Württemberg, das Regierungspräsidium Karlsruhe, verlangt entgegen den Empfehlungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) und der aktuellen Rechtsprechung immer noch:

Zur Abschlussprüfung wird zugelassen, wer als Auszubildender registriert ist, die Teilnahme an einer Zwischenprüfung nachweist, die Ausbildungszeit bis zum Prüfungstermin erfüllt und den vorgeschriebenen Ausbildungsnachweis in Form des Berichtsheftes geführt hat.

Es ist festzuhalten: Azubis haben während der Arbeitszeit wöchentlich einen Ausbildungsnachweis zu führen. Die ausgeführten Arbeiten sind mit Datum und Zeitangaben zu versehen. Der Ausbildungsnachweis soll möglichst einfach in Stichworten tabellarisch erstellt werden, dabei sind Angaben zu den eingesetzten Pferden, Ausrüstungen, Ausbildungsorten, Maschinen, Hilfsmitteln zu machen. Natürlich darf der Ausbildungsnachweis auch mit dem Computer geschrieben werden.

Download-Icon

Musterseite Ausbildungs-nachweis unter „Downloads“

Der Ausbildungsnachweis sollte ausgesprochen sorgfältig und immer wahrheitsgemäß erstellt werden, denn was sagte ein Ausbildungsberater treffend:

Der schriftliche Ausbildungsnachweis ist meist das einzige Beweismittel, wenn es um den Nachweis von Ausbildungsmängeln geht.

Falls ein Ausbilder sich mal weigern sollte, den wöchentlichen Ausbildungsnachweis zu unterzeichnen, obwohl dieser korrekt erstellt wurde, keine Angst, die Zulassung zur Abschlussprüfung ist nicht gefährdet.

Mein Tipp:

Auch wenn es nicht von Eurem Ausbilder verlangt wird, ladet Euch die Formulare des Ausbildungsnachweises hier unter „Downloads“ herunter und füllt diese sorgfältig aus. Muss ja keiner unterschreiben. Wenn es aber zum Konflikt kommt oder Ihr Eure Überstunden nachbezahlt haben wollt, dann habt Ihr einen gerichtsverwertbaren Beweis in der Tasche.

Stellt sich jetzt die Frage, warum Auszubildende von vielen Ausbildungsberatern entgegen den gesetzlichen Vorgaben des Berufsbildungsgesetzes nicht zum korrekten Führen eines Ausbildungsnachweises angehalten werden? Böse Zungen sagen, dass viele Ausbildungsberater fürchten, dass viele Azubis hieb- und stichfest Mängel in ihrer Berufsausbildung nachweisen könnten. Das würde jede Menge Ärger bedeuten.

2 Kommentare zu Ausbildungsnachweis

  1. A. Heise sagt:

    Guten Abend Herr Arnold,
    meine Frage bezieht sich auf die Erfahrungsberichte, denn einigen aus meinem Lehrjahr wurde bei der Zwischenprüfung in Warendorf (Pferdewirt Kl. Reitausbildung) gesagt, sie bräuchten keine Erfahrungsberichte schreiben, lediglich Tages- und Wochenberichte.
    Ist diese Aussage nun korrekt? Brauchen wir eigentlich keine Erfahrungsberichte schreiben?
    Mit freundlichen Grüßen
    A. Heise

  2. Dietbert Arnold sagt:

    Der Text oben ist doch eindeutig. Auszubildende müssen Ausbildungsnachweise führen, nichts anderes. So steht es im Berufsbildungsgesetz. Wie Ausbildungsnachweise aussehen, findest Du auch oben im Text. Kannst Du Dir auch sogar downloaden. Wenn ein Ausbilder dennoch Erfahrungsberichte von Dir verlangt, dann musst Du das tun. Aber nur während der Arbeitszeit. Hausaufgaben gibt es in der Berufsausbildung nicht.

    Jetzt sollte eigentlich alles klar sein.

    Viele liebe Grüße

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