Ausbildungszeit 3, 2,5 oder 2 Jahre

Ich befinde mich zur Zeit in einem konfusen Chaos was meinen Ausbildungsbeginn angeht und dachte mir, Sie könnten mir vielleicht mit ein paar Erklärungen etwas helfen. Ihre Website hat mir nämlich schon in so manchen Fragen Klarheit verschafft 😉
Ich habe einen Ausbildungsplatz zur Pf.W. Haltung & Service in Hessen ergattern können, leider mittem im laufenden Lehrjahr. Anfangs stellte sich die LWK quer mich mittendrin einsteigen zu lassen, dann hieß es der 01.03. wäre okay. Dann kam meine Ausbilderin auf die Idee ich könnte ja verkürzen, da ich bereits die 12. Klasse eines Berufsbildenden Gymnasiums besucht habe. Nun heißt es wohl ich könnte zum 01.06. direkt im zweiten Lehrjahr einsteigen.
Ich frage mich allerdings, reicht allein der Besuch der 12. Klasse für ein Verkürzen? Muss man einen gewissen Notendurchschnitt haben?
Ich habe kein Abitur, soweit ich weiß auch kein „Fachabitur“ da uns an der Schule immer gesagt wurde, Fachabitur gibt es gar nicht.
Im hessischen Schulgesetz finde ich dazu leider nichts hilfreiches. Vielleicht wissen Sie mehr? Oder können mir sagen wie es in Ihnen bekannten Bundesländern gehandhabt wird?
Nicht, dass es jetzt erst heißt „ist okay tragen wir ein“ und später dann „oh nein mit dem Zeugnis geht das aber nicht“.
Vielen Dank im Voraus und liebe Grüße
nn
Hallo liebe nn,
ich habe einmal Deinen Namen weggelassen.
Ich will einmal versuchen, dem Chaos auf die Spur zu kommen:
Entscheidend ist zunächst einmal der Ausbildungsbeginn. Der muss im Ausbildungsvertrag stehen. Genauso muss das Ausbildungsende im Vertrag stehen. Erst wenn diese Daten von der Zuständigen Stelle neben Dir und der Ausbilderin unterschrieben wurden, ist der Vertrag gültig. So, jetzt kannst Du Dir gut erklären, warum das Gesetz verlangt, dass der von Dir und Deiner Ausbilderin unterschriebene Vertrag vor der Ausbildung unterschrieben und unverzüglich zur Zuständigen Stelle gesendet werden muss und diese den Vertrag dann unterschrieben zurücksenden. Dieser Vorgang muss vor Beginn der Berufsausbildung (also Ausbildungsvertragsbeginn) abgeschlossen sein. Dann hast Du keine Überraschungen zu erwarten.
Die Berufsausbildung zum Pferdewirt beträgt 3 Jahre. Die Ausbildung kann auf Antrag bei der Zuständigen Stelle verkürzt oder verlängert werden. Dabei wird in aller Regel folgendes berücksichtigt:
  • Azubis mit Fachhochschulreife oder Hochschulreife: mindestens 12 Monate
  • Azubis mit Fachhochschulreife in der entsprechenden Fachrichtung: bis zu 24 Monate
  • Azubis mit Realschulabschluss: bis zu 6 Monate.
Die Verkürzung kann direkt schon im Ausbildungsvertrag aufgenommen werden oder auch später noch gestellt werden. Dann müssen sich aber z.B. nach zwei Jahren noch alle an diese Verabredung halten.
Egal welchen Schulabschluss ein Azubi aufzuweisen hat, wenn zu erwarten ist, dass die Prüfung bereits früher zu schaffen ist, können Azubi und Ausbilder gemeinsam die Verkürzung um bis zu 6 Monate bei der Zuständigen Stelle beantragen.
Natürlich kann auch eine Ausbildung verlängert werden. Nicht nur, wenn sich ein Azubi besonders schwer im Lernen tut, sondern auch, wenn z.B. eine Auszubildende Mutter wird und danach nur noch in Teilzeit die Ausbildung beenden möchte oder muss.
Die Fachhochschulreife, allgemeine Hochschulreife oder Realschulabschluss muss in einem Zeugnis dokumentiert sein. Steht eigentlich immer im Abgangs- bzw. Abschlusszeugnis.
So, jetzt gibt es noch eine Möglichkeit: Kurz vor der Abschlussprüfung kann ein Azubi auch ohne Zustimmung des Ausbilders eine vorzeitige Zulassung der Prüfung bei der Zuständigen Stelle beantragen. Lediglich die Berufsschule und der Ausbilder werden von der Zuständigen Stelle angehört. Die Zuständige Stelle kann dann auch gegen die Meinung des Ausbilders entscheiden.
So, den Vertrag hast Du. Damit bist Du ab dem Tag auch berufsschulpflichtig in Hessen. Da Du mitten im Jahr kommst, entscheidet die Schule, niemand sonst, in welche Klasse Du kommst. Die Adresse der Schule in Hessen (Oberursel bei Frankfurt/M.) findest Du unter „Berufsschulen“.
Jetzt aber aufgepasst! Manche Ausbilder schicken ihre Azubis einfach mal so eben schon in den zweiten Schuljahrgang. Und plötzlich werden alle Schüler um Dich herum im Sommer fertig, die Klasse ist nach drei Jahren beendet. Und Du wirst, keiner hats gemerkt, auch mit einem Abschlusszeugnis aus der Schule entlassen und hast aber noch gar keine Prüfung. Doof für Dich und schlau für den Betrieb. Keine Schule heißt arbeiten! Verstehst Du jetzt, dass ich sage, nur die Schule entscheidet, in welche Klasse sie Dich gibt.
Was meinst Du, alles geklärt? Wenn nicht, melde Dich ruhig. Ich melde mich auch wieder. Logo.

 

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5 Kommentare zu Ausbildungszeit 3, 2,5 oder 2 Jahre

  1. Lilly sagt:

    Hallo 🙂

    einfach mal so aus Interesse, wie ist das mit dem Schulstoff bzw. dem generellen System, wenn man die Ausbildung auf zwei Lehrjahre verkürzt? Kann man das irgendwie mit G8 und G9 vergleichen? 😀

    Es wird ja theoretisch im zweiten Lehrjahr angefangen. Kommt man dann direkt in eine Klasse des zweiten Lehrjahres und muss sich den Stoff des letzten Jahres irgendwie anders beschaffen?
    Denn auf der Website meiner zukünftigen Berufsschule sieht es auf dem Blockplan für das nächste Jahr so aus, als würden die Azubis im ersten Lehrjahr öfter zur Schule gehen, als in den folgenden Jahren. Kann man das so sagen? 😀

    Viele liebe Grüße!

  2. Dietbert Arnold sagt:

    Hallo Lilly,

    wegen eines Urlaubs kommt die Antwort etwas später. Aber sie kommt:

    Bei zweijährigen Ausbildungsverträgen machst Du das zweite und dritte Ausbildungsjahr. So musst Du auch bezahlt werden. Folglich steigst Du in der Schule gleich in das zweite Ausbildungsjahr ein. Da zweijährige Ausbildungen nur bei besonders „schlauen“ Azubis eingetragen werden (z.B. Abitur, Fachabitur, Studium, …), wird erwartet, dass Du dann das erste Jahr selbständig Dir aneignest.

    Bitte verwechsele das nicht mit der vorgezogenen Prüfung bei besonderer Leistung. Da liegt ein dreijähriger Ausbildungsvertrag vor. Wenn die Praxis besonders gut läuft und die Schulnoten überdurchschnittlich sind, kannst Du mit Zustimmung des Betriebes z.B. um ein halbes Jahr verkürzen. Dann „fehlt“ Dir das halbe dritte Ausbildungsjahr.

    Wer ein wenig wissbegierig ist und lernen gelernt hat, der/die kann locker die Prüfung nach zwei Jahren machen. Ob das auch für die Praxis gilt, muss sich jeder/e selber fragen.

    Schlauer? Habe ich alles gesagt? Sonst melde Dich bitte wieder.

  3. Lilly sagt:

    Lieber Herr Arnold,

    vielen Dank für die Antwort! Das bringt wirklich schon Klarheit. Am Lernen und Reiten bin ich ganz fleißig. 🙂

    Wäre nur noch die Frage, wo man diesen Berufsschulstoff herbekommt. Außer dem normalen „Augen und Ohren offen halten“ natürlich… 😀 Kann man sich das entsprechende Material von der Berufsschule besorgen (vielleicht eine Themenliste oder so) oder nimmt man sich dann einfach die Fachbücher vor?

    Da kann man sich ja im Allgemeinen sonst gut am Ausbildungsrahmenplan bzw. der Verordnung orientieren, oder?

    Die Wissbegierigkeit ist auf jeden Fall da und bei der Praxis mal sehen, wie ich mich schlage…

  4. Dietbert Arnold sagt:

    Du kannst ein wenig gelassener da herangehen. Du wirst sehen, dass der Stoff in der Mittelstufe durchaus beherrschbar ist und wenn Du dann feststellst, dass da Lücken sind, dann kennst Du doch doch eine ganze Klasse von Mitschülern, die die Unterstufe durchlaufen haben und die kannst Du doch befragen bzw. in deren Unterlagen sehen. Ganz easy, ganz gelassen. Und zu den Stichworten recherchierst Du einfach in Büchern und im Internet. Unterschätze einfach nicht solche Dinge, wie Sozialversicherungen, Tarifverträge, Kaufrecht, Wirtschaftssysteme, Politik, usw.. So aus Erfahrung weiss ich, dass einige Azubis nur etwas lernen, wenn es vier Beine hat und nach Pferd riecht, alles andere aber vernachlässigt wird. Aber da bin ich mir bei Dir sicher, dass das nicht passiert.

    Kurz und gut, Du musst nicht vorher die Unterstufe gelernt haben, sondern Du durchläufst und lernst die Unter- und Mittelstufe zusammen. Das ist durchaus machbar!

    Und Du hast Recht, die Verordnung ist das Maß der Dinge in der Praxis und der Abschlussprüfung. Für die Schule gibt es den Rahmenlehrplan. Auch den findest Du hier unter „Gesetzliche Grundlagen“ oben als Reiter.

  5. Lilly sagt:

    Okay, wenn Sie das sagen, sehr gut. Lieben Dank! Wirklich toll, dass es Sie gibt! 🙂

    Und ja, genau das waren die Themen, die ich am meisten im Kopf hatte bei der Frage oben, weil man damit bis jetzt einfach am wenigsten in Berührung kam. Aber genau, dann einfach wachsam sein… 🙂

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