Meine Tochter wird nur ausgenutzt – Wehrt Euch

  • Marianne
Meine Tochter ist seit Mai 09 im zweiten Ausbildungsjahr Pferdewirt Z. u. H.. Sie möchte nun die Lehre abbrechen, da die Zustände in Ihrem Ausbildungsbetrieb – wie scheinbar überall – nicht auszuhalten sind. Sie hat die Zwischenprüfung mit Durchschnitt 5 gemacht. Sie hat z.B. erst ca. 6 Wochen vor der Prüfung Springunterricht bekommen. Reitunterricht bekommt sie nur unregelmäßig, manchmal halbherzig, wenn die Ausbilderin selbst reitet. Im Grunde müssen die Mädels nur schuften, werden von Pferdebesitzern angemacht, da die Chefin die Organisation nicht im Griff hat. Meine Tochter ist die einzige Auszubildende und zeitweise auch die einzige Kraft für knapp 40 Pferde. Ständig wechselnde Aushilfen flüchten nach kurzer Zeit. Von AUSBILDUNG kann nicht im geringsten die Rede sein – sie ist nur eine billige Arbeitskraft! Wenn man im Internet so recherchiert ist das traurigerweise fast überall so. Meine Tochter beklagt sich noch nicht einmal über Ihre Arbeitszeiten, wobei ich es eine Zumutung für junge Menschen finde, zwei Wochen durchzuarbeiten, um dann ab Samstag mittag bis Sonntag abend mal frei zu haben. Krank zu werden ist in diesem Beruf auch eine Todsünde. Klar ist es schwierig, aber wenn man die Verantwortung für Tiere übernimmt, muß man auch einen Notfallplan haben.
 
Entschuldigen Sie bitte, wenn ich hier mal meinen Unmut zum Ausdruck bringe, aber ich bin ratlos. Sie hat auch schon ein einjähriges Praktikum in einem anderen Stall hinter sich, mit Aussicht auf eine Ausbildungsstelle. Als die Zeit für ein Gespräch zwecks Lehrvertrag kam, wurde eine Verlängerug des Praktikums gewünscht und nach meinen Nachforschungen stellte sich dann heraus, dass dieser Betrieb gar nicht als Ausbildungsbetrieb zugelassen war. Daraufhin hat sie dort aufgehört und nach einigem suchen, diese Ausbildungsstelle gefunden. Wir haben uns so gefreut, aber jetzt sind wir wieder am Anfang angekommen.
 
Jetzt komme ich zu meiner Frage an Sie. Wie kann man einen Ausbildungsvertrag auflösen? 
 
Meine Tochter hat heute über Dritte erfahren, dass Ihre Chefin gesagt habe, dass sie sie kündigen will, da sie nicht ordentlich arbeite. Ist das überhaupt ein Kündigungsgrund? Sie hat vor einem halben Jahr auch schon einmal eine Abmahnung bekommen aufgrund Unpünktlichkeit!
 
Wenn sie jetzt wirklich abbrechen möchte und vielleicht später nochmal einen Anlauf zur Ausbildung machen möchte, wird dann das erste Jahr angerechnet, oder muß man direkt eine neue Ausbildungsstelle im Anschluß nehmen?
 
Mit der Ausbildungsberaterin der Kammer habe ich nach dem schlechten Ergebnis der Zwischenprüfung auch schon gesprochen. Ich soll die schriftlichen Ergebnisse abwarten – die noch nicht vorliegen – und dann das Gespräch mit der Ausbilderin suchen. Es gibt z.B. die Möglichkeit über das Arbeitsamt eine ausbildungsbegleitende Maßnahme zu beantragen. Erstens ist das Arbeitsamt 20 – 30 km entfernt, Busverbindung ist fraglich und wann sollte das möglich sein?? Würde sie dafür freibekommen?? 
 
Jetzt sind es doch mehrere Fragen geworden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir und meiner Tochter einen Rat geben würden.
Vielen Dank schon einmal dafür, dass ich Ihnen diese Zeilen schreiben konnte. Das hat mir schon einmal geholfen, mir dies von der Seele zu schreiben.
 
  • Dietbert Arnold

Hallo Marianne,zunächst zur Kündigung eines Ausbildungsvertrages: Die Probezeit ist beendet. Danach gibt es nur zwei Möglichkeiten:

  1. Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen und beide Seiten, Ihre Tochter und der Ausbildungsbetrieb fertigen einen sog. Aufhebungsvertrag. Das muss immer schriftlich geschehen. Fristen gibt es nicht, es gilt, was beide Seiten vereinbaren.
  2. Ihre Tochter kündigt, weil der Ausbildungsbetrieb gegen die Regeln des Berufsbildungsgesetzes grob verstoßen hat, so z.B. weil es keine Ausbildung gibt, die Arbeitszeiten drastisch überschritten sind (im Vertrag stehen doch bestimmt 40 Stunden, oder?), Ihre Tochter nicht zur Berufsschule gehen darf, usw.. Die bisher gelernte Zeit im Beruf Pferdewirt, incl. der Zwischenprüfung, durch die niemand durchfallen kann, wird später natürlich angerechnet, falls sich Deine Tochter entschließen sollte, woanders weiter zu lernen. Ein direkter Anschluss ist nicht notwendig, es sollten aber nicht viele Jahre dazwischen liegen.

Das, was Du mir da schreibst, ist leider kein Einzelfall. Ich bitte Dich und Deine Tochter dringend, wehrt Euch!

Nach Deiner Schilderung geht es hier eindeutig um viele Rechtsverstöße. Da ist dasArbeitszeitgesetz, Bundesurlaubsgesetz, das Berufsbildungsgesetz, eventuell sogar das jeweilige (Landes-) Schulgesetz, usw.. Hier geht es übrigens auch um die Nachzahlung zuviel geleisteter Stunden sowie Schadenersatz wegen nicht erfolgter Ausbildung.Denkt bitte immer daran, dass man nur innerhalb von 3 Monaten Forderungen aus einem alten Arbeitsverhältnis Nachforderungen gelten machen kann.

Zur aktuellen Situation rate ich dringend, setzt Euch mit den Rechtsexperten der Pferdewirtgewerkschaft IG Bauen, Agrar, Umwelt zusammen und denkt über Rechtsschutz nach. Der ist kostenfrei, wenn sich Deine Tochter entschließen kann, in die Gewerkschaft einzutreten. Zur Not klagen die auch für Euch. Auch das kostenfrei.

So, und nun noch zu dem Praktikum vorher in dem anderen Betrieb. Das war völlig ungesetzlich und da würde ich mich richtig wehren. Lies doch einmal hier im Forum die entsprechende Seite. In der Kategorie Praktikum findest Du mehr. In aller Regel macht sich solch ein Praktikumsgeber strafbar. Das ist nämlich nichts anderes als Schwarzarbeit. Bitte, seit konsequent, hierfür ist Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Bundeszollverwaltung (FKS) zuständig

Zollkelle

E-Mail: poststelle@abt-fks.bfinv.de
Tel.: 0221/37993-100
Fax: 0221/37993-701 oder -702

www.zoll-stoppt-schwarzarbeit.de

Gerade gestern hat mit ein Ermittler der FKS angerufen und berichtete davon, wie schlimm die Situation im Pferdebereich ist und dass man darauf warte, dass Betroffene sich dann auch an die FKS wenden, damit sie dann tätig werden können. Der Beamte sagte mir, dass sie endlich gegen diese Schwarzen Schafe vorgehen wollen. Das geht natürlich nur, wenn sie informiert werden.

Bei diesen Praktika geht es einmal um die Bestrafung der Betriebe, dass kann in Eurem Fall sogar schon Betrug sein, sowie um Nachentrichtung von Sozialleistungen und Lohnleistungen und Steuern, die bei ca. 8,50 die Stunde brutto liegen dürften.

Bitte denke auch daran, dass Deine Tochter dann die Rente einbezahlt bekommt. Die fehlen sonst später und Deine Tochter kann große Schwierigkeiten mit einer angemessenen Rente im Alter haben. Selbst wenn nur ein Jahr später fehlt, es werden dann fast 11% abgezogen!

Und natürlich wird auch in diesem Praktikumsfall die IG BAU den Rechtsschutz übernehmen.

Ich bitte Euch dringend, konsequent diesen Weg zu gehen, sonst werden die Beiträge empörter Eltern, Azubis und mittlerweile auch Ermittler nicht weniger. Erspare das anderen Kindern!

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