Sofort kündigen? – Sofort kündigen!

n.n. (Name dem Admin bekannt), 18.09.2019

Hallo Herr Arnold,

ich befinde mich seit dem 01.09. in einer Pferdewirtausbildung und bräuchte ihren Rat. Diese Ausbildung ist meine 2. Ausbildung, ich habe bereits eine abgeschlossene Ausbildung. Bei dem Betrieb bei dem ich lerne, war ich schon vorher länger und hab vorher schon Longen und teilweise die Gruppenstunden gegeben. Nun ist es so, dass mein Arbeitsalltag daraus besteht, dass ich vormittags die Pferde für die beiden Bereiter herrichte & die Hallen sauber halte und nachmittags den Schulbetrieb übernehme. 

Es ist so, dass ich eine 6 Tageswoche habe und theoretisch 40 Stunden die Woche arbeiten müsste. Praktisch sind es jetzt schon deutlich mehr und sollen ab November nochmal mehr werden. Ab November gibt es Tage bei denen ich von 08:00 bis 21:00 Uhr oder von 06:15 bis 19:30 arbeiten müsste. Teilweise ohne Pause. Das wäre die Regel, da sind Notfälle und Vertretungen noch nicht eingerechnet. Wenn ich mir das durchrechne, was sie an Stunden erwarten, komme ich auf mind. 60 Wochenstunden. Allerdings werden sie argumentieren, dass ich meine Wohnung ja noch getrennt abarbeiten soll. 

Mein Betrieb hatte mir eigentlich angeboten, 4,5 Jahre auf Mindestlohn zu arbeiten exklusive der Wohnung und dann die Bereiterprüfung extern zu machen. Darauf habe ich mich nicht eingelassen. Jetzt war der Deal die ersten beiden Jahre eine Pferdewirtausbildung Service und Haltung und anschließend Klassische Reitausbildung. Ich befinde mich reiterlich auf einem A-Niveau. Im Moment reite ich Freitags eine Springstunde und ansonsten überhaupt nichts und das wird sich auch nach Rücksprache mit einem vorherigen Azubi nicht ändern, da sie nicht darauf verzichten werden, dass ich ihnen die Pferde herrichte und nachmittags & abends ist immer der Schulbetrieb. Die vorherige Azubine hat genau aus diesem Grund gekündigt, leider habe ich erst nach Start der Ausbildung mit ihr gesprochen. Bei der Kündigung haben sie zu ihr gesagt, dass sie zu ehrgeizig wäre. 

Ich sehe ehrlich gesagt nicht die Möglichkeiten so in drei Jahren auf das erforderte reiterliche Niveau von dem Pferdewirt Klassische Reitausbildung zu kommen. Ich habe auch das Gefühl, dass sie überhaupt nicht an einer Ausbildung interessiert sind, da sich auch nie jemand sich Zeit nimmt, um mir etwas zu erklären. Prinzipiell hätte ich die Möglichkeit kostenlos Stunden zu mit meiner eigenen Stute außerhalb meiner Arbeitszeit zu nehmen, nur arbeite ich während die Stunden angeboten werden. Außerdem ist meine Stute ein ungünstig gebauter Haflinger und wird nie über A-Niveau herauskommen. Wie sind ihre Erfahrungen bzgl. solchen Betrieben? Besteht da trotzdem eine reelle Möglichkeit die Ausbildung zumindest für Service und Haltung zu bestehen und das letzte Jahr dann wo anders zu machen oder wäre es sinnvoll sich noch in der Probezeit einen neuen Stall zu suchen? Das fände ich prinzipiell schade, weil ich dort schon lange bin und auch mein Pony dort steht, aber andererseits möchte ich die Ausbildung auch machen, um reiterlich weiter zu kommen und den Beruf zu erlernen. Mir würden auch die vielen Überstunden prinzipiell nichts ausmachen, wenn ich dafür auch selbst zum reiten kommen würde.

Dietbert Arnold, 27.09.2019

Hallo n.n.,

ich habe Deinen Namen mal weggelassen, damit wir uns ohne Konsequenzen für Dich unterhalten können. Leider musstest Du ein wenig auf meine Antwort warten, aber auch ich habe einmal Urlaub. Jetzt aber zu Dir:

Eigentlich beschreibst Du die Situation sehr genau und bist doch schon zu einer Meinung gelangt, traust Dich aber nicht die nötigen Konsequenzen zu ziehen.

Fassen wir zusammen, dieser Betrieb sucht eine billige Arbeitskraft und ist nicht an Ausbildung interessiert. Die Arbeitszeiten widersprechen dem Arbeitszeitgesetz, die Inhalte der Verordnung Pferdewirt/in werden nicht eingehalten, das Abarbeiten der Wohnung ist auch problematisch, denn das sind Sachbezüge und die müssen auf der Lohnabrechnung stehen. Ebenso muss jede Stunde über 40h/Woche entweder bezahlt oder besser noch mit Freizeit ausgeglichen werden. Wie ist das eigentlich mit dem regelmäßigen Berufsschulbesuch, der Dir nicht verwehrt werden darf!? Und Du kannst es mir glauben, die Bedingungen werden noch schlechter, sobald Deine Probezeit beendet ist und sie Dich an der Angel haben. Sicher ist, dass Du in einer Abschlussprüfung Haltung & Service schon Probleme bekommen wirst und eine Abschlussprüfung aus meiner Sicht schier unmöglich zu bestehen sein wird. Kurz und gut, Du hast es ja selber schon geahnt: Du bist einem Schwarzen Schaf aufgesessen!

Was tun? Es ist gut, dass Du schon rasch nach dem Beginn der Ausbildung kritisch und nachdenklich wirst. So wird aus der Geschichte keine Fahrt in eine Sackgasse, sondern es besteht ja die Möglichkeit eine Vollbremsung zu machen und einen besseren Weg einzuschlagen. Zum Glück bist Du noch in der Probezeit. Du hast das Recht jederzeit zu kündigen. Völlig risikolos für Dich. Also gehe. Am besten schon Montag. Denke daran, eine Kündigung muss schriftlich erfolgen. In der Probezeit muss sie nicht begründet werden. Ab jetzt, wo Du meine Antwort liest, beginnst Du, Dir einen neuen Ausbildungsbetrieb zu suchen. Viele Betriebe suchen noch Azubis, Ihr seid in einer guten Position. Aber dieses Mal bist Du kritischer und selbstbewusster: Du sprichst genau diese kritischen Punkte an und sagt z.B., dass Du im Regelfall nur 40h arbeiten möchtest, damit Du Dich gut auf die Prüfung vorbereiten kannst und dass Du natürlich die Berufsschule besuchen möchtest. Wenn die Dich dann immer noch nehmen würden, dann bist Du richtig. Sonst umdrehen, Tschüss sagen und gehen. Wie gesagt es gibt genügend frei Ausbildungsplätze. Aber die Schwarzen Schafe, die lässt Du bitte die Boxen selber misten.

Dir persönlich würde ich immer den Beitritt zur Gewerkschaft IG Bauen Agrar Umwelt (IG BAU) empfehlen. Denn die bieten Dir immer eine richtige Rechtsberatung und im Notfall auch rechtliche Vertretung durch einen Rechtsanwalt. Und das alles für ein Päckchen Zigaretten im Monat als Azubi.

Schreibe uns einmal, wie es Dir ergangen ist. Viele mitlesende Azubis können daraus lernen. Dir wünsche ich den nötigen Mut, Dich nicht ausbeuten zu lassen.

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