Kein Arbeitsvertrag, ein Sklavenvertrag!

Petra, 11.08.2019

Lieber Dietbert Arnold!
Eine gute Freundin von mir hat nun ihre Prüfung zur Pferdewirtin erfolgreich abgelegt. Sie fiebert nun ihrem ersten Job entgegen und soll in Kürze ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Von dem neuen Job verspricht sie sich viel in den Punkten Fort- und Weiterbildung. Jetzt hat sie mir ihren Arbeitsvertrag gezeigt und ich bin ehrlich gesagt entsetzt……ich kann mir nicht vorstellen das ein solcher Vertrag rechtens ist. Unter anderem enthält der Vertrag die folgenden Bestimmungen welche ich persönlich nicht unterschreiben würde:
§ Anstellungsvertrag als Bereiter
§ Entgelt: Die monatliche Vergütung beträgt……. Euro netto. Hier gibt es keine weiteren Angaben zum Stundenlohn oder Bruttolohn.
§ Arbeitszeit und Freizeitregelung: Die regelmäßige Arbeitszeit beträgt ca………. Stunden. Die Festlegung und Verteilung der Arbeitszeit sowie die Zahl der Arbeitstage bleibt dem Arbeitgeber vorbehalten, wenn nachfolgend keine gesonderte  Vereinbarung getroffen ist. (Eine gesonderte Vereinbarung gibt es nicht) Der Arbeitnehmer ist verpflichtet, auf Anordnung Überstunden zu leisten, die Überstunden sind mit dem Bruttolohn abgegolten.
Vergleicht man die ca. Arbeitsstunden mit dem Nettolohn erscheint der Nettolohn auf den ersten Blick sehr attraktiv……doch ich befürchte das sich im Laufe des Arbeitsverhältnisses keiner mehr an die ca. Angabe halten wird. Zumal jetzt schon klar ist das die mündlich besprochenen Arbeitszeiten in keinem Verhältnis zu den vertraglich geregelten Arbeitszeiten stehen. Für ein kurzes Statement wäre ich sehr dankbar. Ich möchte dem Glück meiner Freundin nicht im Wege stehen, will sie aber auch nicht mit geschlossenen Augen in ihr Unglück rennen lassen.

Bevor Ihr einen Arbeitsvertrag unterschreibt, lasst einen Fachmann/Fachfrau drüberschauen. Alleine jetzt solltet Ihr merken, wie wichtig eine Gewerkschaft besonders für Pferdewirte ist, die jederzeit mit Beratung und notfalls Rechtsschutz Euch weiterhilft.

Dietbert Arnold, 13.08.2019

Das ist kein Arbeitsvertrag, das ist Sklavenvertrag. Derartigen Praktiken in der Branche sorgen dafür, dass immer weniger Auszubildende den Beruf wählen und wenn doch, auf keinen Fall im Beruf bleiben. Von diesen Arbeitgebern gibt es einfach zu viele. Warum komme ich zu dieser vernichtenden Beurteilung?

Bei einer Nettolohnvereinbarung must klar definiert sein, dass der Arbeitgeber alle Sozialversicherungsbeträge komplett übernimmt und auch entrichtet. Gleiches gilt auch für die alle Steuern (Lohnsteuer, Soli und auch Kirchensteuer). Das bedeutet, ein Arbeitgeber entrichtet den Arbeitgeber- und den Arbeitnehmeranteil. Natürlich gilt das auch für zukünftige Erhöhungen. Kommt es bei der Steuererklärung des Arbeitnehmers zu Erstattungen, dann stehen die dem Arbeitnehmer zu. Ein Nettolohn ist für den Arbeitgeber ein großes Risiko und gewöhnlich lassen sie die Finger davon. Es ist also zu fragen, warum der zukünftige Betrieb eine Nettovereinbarung vorschlägt. Da wäre ich sehr vorsichtig, ob da nicht mit einem Trick die Sozialversicherungspflicht ausgehebelt wird.

Überstunden müssen laut Gesetz nur geleistet werden, wenn es um Notfälle geht, die nicht planbar sind. Auch nach Gesetz darf der Arbeitgeber nicht willkürlich die Arbeitszeit und die Arbeitstage je Woche anweisen. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob in einer 5- oder 6- Tagewoche gearbeitet wird, weil sich danach der Urlaubsanspruch ableitet.

Wenn Überstunden über den Bruttolohn abgegolten werden, dann sind es ganz viele Überstunden, die wahrscheinlich eingefordert werden, denn interessanterweise ist in diesem Fall der weitaus höhere Bruttolohn als Ausgleich genannt.

Bei den Arbeitszeiten sollte dringend geklärt werden, ob die so wichtige Aus- und Fortbildung Arbeitszeit oder Freizeit ist. Das ist auch für die so wichtige Absicherung bei einem Unfall ganz wesentlich. Freizeitunfälle sind keine Arbeitsunfälle. Nur die gesetzlichen Unfallversicherungen gewähren eine umfassende Absicherung, die Krankenkassen kommen nur für die Gesundung auf. Nur zur Erklärung: Wenn Deine Freundin ein steifes Kniegelenk nach einem Unfall hat, dann ist sie nicht mehr krank, „nur“ noch behindert. Und für Behinderungen zahlt die Krankenkasse nur sehr wenig.

Welchen Tipp kannst Du Deiner Freundin geben?

  • Schlage ihr vor, in die Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt einzutreten und sich dort ausführlich über den vorgeschlagenen Arbeitsvertrag beraten zu lassen.
  • Alternativ kannst Du Deiner Freundin auch vorschlagen, einen Steuerberater oder einen Fachanwalt für Arbeitsrecht über den Arbeitsvertrag gucken zu lassen. Das kostet natürlich.
  • Sage Deiner Freundin auf jeden Fall, dass sie damit rechnen muss, dass der Arbeitsvertrag wahrscheinlich nur ein Ziel hat: Vorteil für den Arbeitgeber und Nachteil für deine Freundin.
  • Unter Downloads (oben bei den Reitern) findet Deine Freundin einen Arbeitsvertrag, der nur wenige Punkte enthält. Den sollte sie, wenn überhaupt, verwenden, denn dann gelten wenigstens alle gesetzlichen Vorgaben des Arbeitsrechtes.
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