30 Jahre Berufserfahrung als Pferdewirtin: Nichts neues!

DRSCHLEHRs

So sah der Unterrichtsraum der Deutschen Reitschule vor dreißig Jahren aus.

Cornelia Rummeda, 17.02.2014

Hallo,

ich bin heute darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich die IG Bau für die Pferdewirte einsetzt… und las dann hier… naja, für die Azubis jedenfalls.
Daraufhin habe ich neugierig mal quergelesen und eigentlich nichts Neues entdeckt.

Mal kurz zu mir… ich bin Bereiterin F.N. – Pferdewirt Schwp. Reiten.
Die Prüfung habe ich vor knapp über 30 Jahren abgelegt, noch unter H.D. Donner in Waf, nach einer nur 2j, Ausbildung. Die Berufsschule durften wir 1 Jahr lang 1x die Woche besuchen und durften danach noch arbeiten.

Die Löhne, Urlaubsansprüche… 18 Tage Urlaub bei einer 6 Tage Woche, irgendwas um 600 DM während der Lehre… dies war schon damals durch die LWK geregelt, dazu brauchte es keine IG. ;)
Die LWK kümmerte sich um die Lehrverträge, kümmerte sich um evtl Betriebswechsel innerhalb der Lehre und der Berufsreiter-und Fahrerverband, damals unter Herrn Erbslöh, setzte sich für die Arbeitnehmer ein. (Anmerkung Dietbert Arnold: Übrigens Cornelia, Herr Erbslöh vertrat auch die IG Bauen Agrar Umwelt, damals noch GGLF genannt.)
Dort konnte man bei Problemen anrufen, man bekam Auskunft, wenn man nach dem “Ruf” eines Betriebes fragte. Es passierte allerdings auch, dass einem abgeraten wurde, in Betrieb X anzufangen. Denn es gab, genauso wie heute, Betriebe, die alle paar Monate ihre Angestellten wechselten.

Nach der Ausbildung, wenn das lernen bekanntlich erst richtig anfängt, bzw. wenn man sich spezialisieren wollte, hat man für ein klitzekleines Taschengeldgehalt bei einem der grossen oder nicht ganz so grossen Altmeister gearbeitet… und sich dort weiter fortgebildet…. denn darum ging es ja vorwiegend… man wollte lernen. Dafür nahm man Überstd, mangelnde Freizeit und wenig Geld gerne in Kauf.

Jeder der diesen Beruf ergreift, sollte sich klar darüber sein, das Überstd normal sind, und auch nicht immer vergütet werden.
Vorhin musste ich doch ein wenig lächeln, als ich las…. soviele Überstd müssen gemacht werden und ja, man wisse, das dies normal wäre, aber trotzdem….
Ein wenig paradox, oder?

Ich gebe durchaus zu, dass es sehr viele, und ja… zu viele schlechte Ausbildungsbetriebe gibt… und nicht nur auf die Ausbildung bezogen, sondern Betriebe allgemein. Vielen “Chefs” ist das Wort “Mitarbeiterführung” unbekannt.
Mir wurde erst im letzten Jahr von einer 28j. Betriebsinhaberin eines Reitschulbetriebes, Gesellenbrief Schw. Reiten, Meisterprüfung Zucht und Haltung (sorry, ich benutze noch die alten Betitelungen), Meisterarbeit hatte wer anders geschrieben, sie war zudem noch nie bei der Geburt eines Fohlens anwesend gewesen, gesagt… sie wäre der Chef und wenn sie sagt, das Gras ist blau, dan ist es blau und nicht grün, das wäre ihr Recht als Chef.
Wow… wie war das mit dem Weissbrot? :D

Doch dies ist alles nicht neu. Dies war schon vor 30 Jahren ein Problem und ich denke heute noch mehr als früher. Wir hatten in unserem Lehrgang zur Abschlussprüfung damals 2 Azubis, die noch nie eine Kandare in der Hand hatten. Einer von denen hatte 3 Jahre lang nur sein eigenes Pferd geritten.
An den Bettpfosten haben wir eine Kandare geschnallt, um ihnen die Zügelführung beizubringen… hat leider im Endeffekt nicht viel genutzt.
Ich erinnere mich noch, dass ich damals ein Gespräch mit Donner hatte, in welchem ich ihn fragte, warum man solchen Ausbildungsbetrieben die Befähigung nicht aberkennt. Solche Kollegen bzw Betriebe sind ein rotes Tuch für mich…. damals wie heute.

Aber jede Münze hat 2 Seiten…. mein alter Berufsschullehrer ist sogar mittlerweile der Meinung, man solle den Beruf gänzlich abschaffen. ;)

Nun zu der anderen Seite: Zuviele junge Menschen wollen diesen Beruf ergreifen, die falsche (romantische) Vorstellungen von diesem haben bzw die mit falschen Vorstellungen in diesen Beruf gehen.

Wenn ich hier Wörter lese, wie… man wäre pferdeverrückt o.ä. dann denke, ich… ähm… es sollte vielleicht doch lieber ein Hobby bleiben.
Wenn mir wer sagt, es macht Spass zu analysieren, es macht Spass zu vermitteln, Lösungswege zu finden etc.pp. dann wäre man in dem Job schon eher richtig.
Der Beruf hat nichts mit Flicka und Co zu tun. Der Beruf besteht aus Verantwortung und Sorgfaltspflicht. Aus Konsequenz und Disziplin… und man braucht vor allem Talent, hat man dies nicht, dann muss man bereit sein, verflixt hart an sich zu arbeiten.

Wenn man in die Ausbildung Schwerp. Reiten geht, dann sollte man mind. A-sicher sein, besser wäre noch, wenn man schon auf L-Niveau reiten würde. Sollte zwar nicht so sein, es ist jedoch in der Praxis so.
Von 0 auf L in 3 Jahren ist kaum zu schaffen. Dafür ist zudem die spätere Konkurrenz zu gross.
Man sollte sich viele Betriebe anschauen und dort hinterfragen. Auch solche Fragen stellen, wie… wie haben frühere Azubis in den Prüfungen abgeschnitten?
Evtl ein 4 wöchiges Praktikum machen, um hinter die Kulissen zu schauen…. und sofort gehen, wenn es dort nicht korrekt abläuft.
Unwichtig ist dabei die Entfernung zum Elternhaus oder zu den Freunden… man will lernen, dann sollte dies und nur dies im Vordergrund stehen. Wer nicht bereit ist, für einen guten Betrieb 300 km weit wegzuziehen, der sollte sich einen anderen Beruf aussuchen. Denn gute Betriebe sind nun mal rar.
Später nach der Ausbildung muss man eh dem Job hinterherziehen. Wird erst zu einem Problem, wenn man sich privat an einen Ort binden möchte.

Warum beginnt man unkritisch seine Ausbildung in einem unqualifizerten Betrieb?
Warum recherchiert man nicht nach dem “Ruf” des Betriebes?
Im Endeffekt ist der Azubi auch etwas verantwortlich dafür, er hat sich diesen Betrieb ausgesucht. Oder musste er auf einen unqualifizierten Betrieb zurückgreifen, weil gute Betriebe dem zukünftigen Azubi absagten?
In so einem Fall wäre ein Berufswechsel sinnvoller, als ein Betriebswechsel.

Denn dies vermisse ich an den Ratschlägen hier. Da werden Arbeitsgesetze zitiert, ohne zu hinterfragen, ob der Ratsuchende auch wirklich die notwendigen Voraussetzungen für den Beruf mit sich bringt.
Auf Azubis wird intensiver eingegangen, als auf jene, die mit der Ausbildung fertig sind.

Und mal ehrlich… wenn der Ausbildungsbetrieb einen ausbeutet und man kommt dem Chef mit Arbeitsgesetzen… wird das Klima dann besser?
Geschrieben sieht alles sehr schön aus, doch es in die Praxis umzusetzen… fast nicht möglich, ohne gleichzeitig die Kündigung mit auf den Tisch zu legen…. nur dann bitte gleich die Anmeldung zu einem Mitarbeiterführungseminar dazu legen.
Dafür sind die Betriebe zu klein… zu familiär.

Man sollte auch mal kurz nachdenken, wo will man stehen, wenn man 40 oder 50 ist?
Kann man dann noch Pferde korrigieren?
Und nur Unterricht geben… seit die Reitwarte erfunden wurden, sind Festanstellungen und Stundenlöhne für ausgebildete Unterrichtende auf ein extremes Minimum geschrumpft.

Dazu kommt, die Besitzer bzw Vorstände von Reitbetrieben zahlen nicht nur einen sehr geringen Stundenlohn… in gute Schulpferde wird selten investiert, die Kunden sind unzufrieden, wenn sie denn etwas kritisch sind, der Unterricht, die Grundausbildung ist sehr oft fachlich mehr als nur unqualifiziert…. zudem… viele der Unterichtenden kennen die versicherungsrechtliche Seite gar nicht… etc.pp.

Es liegt vieles im Argen, aber auf beiden Seiten. Auf der Seite des Betriebes und auf der Seite derjenigen, die diesen Beruf ergreifen wollen.

Auch ich habe viel Negatives in meinen 30 Jahren Berufserfahrung erlebt, bei den “Grossen”, wie bei den “Kleinen”.
Doch ich habe dann die Konsequenzen gezogen, habe nicht gejammert, sondern habe selber gehandelt.

Schon damals riet uns Herr Erbslöh vom Deutschen Reiter- und Fahrerverband, keine schlecht bezahlten Stellungen anzunehmen. Dies ist 30 Jahr her. Gerade in der heutigen Zeit werden noch mehr Jobsuchende eine schlecht bezahlte Anstellung annehmen als früher.
Es gibt zudem zuviele Amateure, die für kleines Geld arbeiten… wie sollen wir uns da behaupten können?

Wie sehe ich es aus heutiger Perspektive?
Wer keinen eigenen Betrieb hat, und nicht überragend gut im Sport ist, der sollte die Finger von dem Job lassen.

Schon damals rieten viele meiner Kollegen ihren Kindern von diesem Job ab, und ich selber bin froh, dass meine Kinder keine dementspechenden Ambitionen haben.

Und wie sagte schon mein alter Reitlehrer H.G. Gerlach vor 35 Jahren… Zucht und Haltung? Tu es nicht. Da ist man nur ein besserer Pferdepfleger.
Also habe ich mich in den Allerwertesten getreten und bis zum Schulabschluss trainiert, trainiert und trainiert, habe Zeitungen ausgetragen, um mir Reitstunden finanzieren zu können.

Und heute… nachdem ich “zu alt” bin, meine Knochen für Korrekturpferde hinzuhalten… liebe ich es an der Basis zu unterrichten, zu vermitteln und bin froh keiner jener Trainer geworden zu sein, die von “zielstrebigen” Töchtern so oft ausgetauscht werden.

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1 Antwort zu 30 Jahre Berufserfahrung als Pferdewirtin: Nichts neues!

  1. Cornelia Rummeda sagt:

    (Anmerkung Dietbert Arnold: Übrigens Cornelia, Herr Erbslöh vertrat auch die IG Bauen Agrar Umwelt, damals noch GGLF genannt.)

    Ups… dies wusste ich nicht… hat er nie erwähnt, dass es sowas gibt.
    Ich empfand Herrn Erbslöh immer als sehr fair. Ich denke heute noch mit grossen Respekt an ihn… genau wie Paul Stecken, HG Gerlach, HD Donner… solche prägenden Menschen fehlen heute.

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