Wohnen im Betrieb

Ausbildungsbetrieb 004

Luise, 16.09.2013
Ich habe eine Frage zu den Kosten für Unterkunft/Wohnung.
Meine Tochter, 18, hat im August in NRW eine Ausbildung mit dem Schwerpunkt Reiten begonnen. Im Vertrag stand, dass Unterkunft im Rahmen der Hausgemeinschaft gewährt wird und Teil der Bruttovergütung ist – so war das wohl auch ursprünglich gedacht.
Nun ist meine Tochter allerdings doch nicht auf dem Hof untergebracht, da dort doch kein Platz war, sondern in einer 2-Zimmer-Whg. zusammen mit einer anderen Auszubildenden, die Wohnung gehört einem der beiden Ausbilder. Gestern wurde ihr mitgeteilt, dass sie monatlich 180 EUR Miete zahlen soll, per Überweisung.
Ist das so in Ordnung? Kommt sie dabei nicht viel schlechter weg, als vertraglich vereinbart?
Bruttolohn sind 576 EUR (verkürzte Ausbildung, daher 2. Lehrjahr)/ Nettolohn also 459 EUR . Wenn sie davon 180, – Miete zahlt, bleiben ihr noch 279 EUR.
Wie wäre denn das Berechnungsschema, wenn die Unterkunft tatsächlich als Teil der Bruttovergütung angesetzt worden wäre, wie vertraglich vereinbart.
576 + 151 = sozialversicherungspflichtiges Brutto. Also: 576 + 151, davon Sozialabgaben weg, dann vom Netto wieder 151 weg –> dann käme sie auf wesentlich mehr als 279 EUR.
Habe ich richtig gerechnet? Und was soll sie ihrem Chef sagen, der jetzt 180 EUR Miete (von beiden Azubis, also 360 EUR für die Wohnung, ca 55m²) möchte?
Ich danke im Voraus für Ihre Hilfe.

Dietbert Arnold, 19.09.2013

Hallo Luise,

jetzt will ich mal versuchen, das alles zu ordnen, damit Du und andere Leser genau wissen, wie es mit dem Wohnen im Betrieb funktioniert:

Wenn mit dem Betrieb z.B. freies Wohnen, Essen oder auch eine Pferdebox vereinbart wird, dann sind das Sachbezüge, die wie eine Lohnzahlung zu behandeln sind. Folglich wird zum vertraglichen Bruttolohn noch die Wohnung, das Essen oder die Pferdebox dazugerechnet. Das muss dann auch so in der Lohnabrechnung stehen. Die Wirkung ist folgende: Es sind die Steuersätze und Sozialversicherungssätze für den vertraglich vereinbarten Bruttolohn + die freien Leistungen, wie Wohnen, Essen und Box zu bezahlen.

Wenn vereinbart wurde, dass z.B. Wohnen, Essen, Box, usw. bezahlt werden muss, dann wird diese Leistung direkt vom Lohnnetto abgezogen.

Für manche Leistungen gibt es vom Gesetzgeber festgelegte Summen (Wohnen und Essen, Dienstwagen), andere werden je nach Marktwert festgelegt (z.B. Pferdebox). Die festgelegten Summen werden jedes Jahr aktualisiert und Du findest sie in der Sachbezugsverordnung, z.B. hier: http://pferdewirtpruefung.de/wordpress/?page_id=2

Die Sachbezugsverordnung für 2013 sagt:

  1. Verpflegung: 224,00 Euro monatlich oder 7,47 Euro täglich (1,60 Euro für Frühstück = 48,00 Euro/Monat, 2,93 Euro für Mittagessen = 88,00 Euro/Monat 2,93 Euro für Abendessen = 88,00 Euro/Monat (1 Tag ist immer 1/30 Monat)
  2. Unterkunft: Die Unterkunft (imcl. aller Nebenkosten) beträgt 216,00 Euro. Für Jugendliche und Azubis gilt ein um 15% geminderter Wert, also 183,60 Euro. Wenn ein Mitarbeiter entweder in dem Haushalt des Arbeitgebers oder in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht wird, reduziert sich der Wert noch einmal um 15%, also auf 156,06 Euro monatlich für Jugendliche oder Azubis.

Du schreibst mir nun, dass im Ausbildungsvertrag steht, dass Deine Tochter im Haushalt des Arbeitgebers untergebracht wird. Das gilt. Folglich muss folgender Weg vom Betrieb gewählt werden:

Deine Tochter muss jeden Monat eine Lohnabrechnung bekommen. Vom im Ausbildungsvertrag festgelegten Bruttolohn werden Steuern (wenn welche anfallen) sowie die gesetzlichen Sozialversicherungen abgezogen. Das ergibt das Nettogehalt. Vom Nettogehalt sind dann 156,06 Euro abzuziehen. Es ergibt sich der Auszahlungsbetrag.

Denke bitte daran, dass das Wohnen im Ausbildungsvertrag geregelt ist und deshalb über die Lohnabrechnung erfolgen muss. Der Vorteil der Wohnmöglichkeit über den Ausbildungsvertrag ist, dass es sich nicht um ein reguläres Mietverhältnis handelt. Dadurch endet das Wohnen immer dann, wenn der Ausbildungsvertrag endet. Es gibt keine Kündigungsfristen, Probleme beim Ausbildungsplatzwechsel oder aber bei Verlängerungen, wenn z.B. die Prüfung nicht geschafft wird. Wesentlicher Vorteil ist aber, dass die Kosten für das Wohnen vom Gesetzgeber festgelegt wird und so Azubis sicher kalkulieren können. Ebenso sind die Azubis vor kaum kalkulierbaren Nebenkosten geschützt, denn die Sachbezüge für das Wohnen enthalten alle anfallenden Nebenkosten.

Wenn die Miete unabhängig vom Lohn entrichtet werden muss, ist ein ganz normales Mietverhältnis eingetreten. Da gilt das Mietrecht. Dann haben die Mieter Heizung, Strom, Wasser und viele Nebenkosten (Müll, Gehwegreinigung, Schornsteinfeger, usw.) zu tragen. Auch werden Kündigungsfristen, in der Regel 3 Monate, wirksam. Das habt Ihr aber nicht vereinbart. Also besteht auf Abzug der Sachbezüge für Azubis und Gemeinschaftsunterkunft. Nur eine Änderung des Ausbildungsvertrages im beidseitigen Einverständnis kann die Verpflichtung des Ausbildungsbetriebes ändern.

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